Dienstag, 3. Oktober 2017

Hardcore zum Schluss

Von meinem Zimmer aus sah ich schneebedeckte Berge, wahrscheinlich den unteren Teil des Ararat. Wenn man den im Winter bei Sonne mal so richtig zu sehen bekommt, ist das sicher eine toller Blickfang. Hin und wieder kam sogar ein Stück blauer Himmel raus, wie der Wetterbericht versprochen hatte. Hartmut hatte mir ja geschrieben, dass der Grenzübergang in Guguti zwar nur 5 Minuten gedauert hätte, aber danach 15 km Pampe gekommen seien. Die wollte ich gerne umgehen, und außerdem wäre ich nach meinem ursprünglichen Reiseplan nach Vardzia gefahren, und das tat ich denn auch.
Was ich von Yerevan gesehen habe, hat mir wenig zugesagt, aber natürlich war das nur eine Stippvisite. Ich kam relativ gut raus und musste mir schon bald die Regenjacke anziehen, die Hose hatte ich wegen den vielen Pfützen sowieso schon an. Nicht weil es regnete, sondern weil es so kalt war. Bald folgten die Regenhandschuhe, aber ich hatte trotzdem Eispfoten. Kein Wunder, ging es doch nach 50 km ordentlich hoch auf etwa 2000 m Höhe. Es waren nur noch 2 Grad, die Schneegrenze lag etwa 2 bis 3 hundert Meter über mir. Schließlich hielt ich zum Aufwärmen an einer Imbissbude und wärmte mir die Hände über dem Feuer, auf dem die Spieße brutzelten. Nach Gyumri ging es zum Glück etwas runter, da gönnte ich mir einen Kaffee und einen Schaschlik-Spieß im Brötchen und wärmte mich erneut auf. Vollgetankt hatte ich auch noch, um mein Geld loszuwerden. Dann ging es wieder hoch, es fing an zu regnen, überall Schneewolken, und plötzlich kam mir kurz vor der Grenze ein warm eingepackter, aber gut gelaunter Deutscher auf dem Fahrrad entgegen. Er war seit 2 Monaten vom Bodensee aus unterwegs und wollte in den Iran und weiter nach Dubai, um von dort nach Jordanien oder Kairo zu fliegen und dann ganz Afrika auf der Ostroute bis Kapstadt zu durchqueren. Alles Achtung, aber Manuel schafft das, da bin ich mir sicher. Er hatte seine Ausbildung als Kraftfahrzeugmechatroniker (oder wie immer das heißt) fertig und dachte sich, er möchte mal etwas von der Welt kennenlernen. Während wir so redeten, kamen 3 Hirten zu uns, natürlich neugierig, wer wir sind. Die waren total nett, haben sich gegenseitig mit dem Rad und dem Motorrad fotografiert, und das Wetter hat ihnen überhaupt nichts ausgemacht. Sie luden uns gleich in den nächsten Ort zum Übernachten ein, aber soviel Zeit hatte ich ja nicht mehr. Und wer weiß, wie kalt es dann da gewesen wäre.
Die Grenze lag dann über 2100 m und dauerte zu meinem Bedauern doch wieder eine halbe Stunde. Da standen auch die beiden Typen, die auch bei uns und den Hirten angehalten hatten, einer davon aus China mit einem Auto, der andere ist mit ihm mitgefahren, weil es ihm auf dem Motorrad zu kalt war; das hat er in Georgien stehen lassen. Direkt nach der Grenze kam eine ähnliche Strecke wie die, von der Hartmut berichtet hatte. Schlaglöcher einen halben Meter tief, immer wieder Schotter statt Teer, und im ersten Dorf 2 km Schlammpiste, wo der Batz teils 10 cm hoch war. Da stand dann eine Reisegruppe, die hat das alles gefilmt. Bestimmt war ich da auch irgendwo drauf. Das Ganze zog sich bis Ninotsminda, wo ich bei einer Bank Geld wechseln musste. Armenisches Geld nehmen sie da übrigens nicht, das restliche Geld kann ich also entsorgen oder an andere Reisende verschenken. Zu der Zeit sah mein Motorrad nicht mehr ganz sauber aus, aber ich konnte mit meinem gelben Regenzeug immerhin noch in die Bank gehen, ohne gleich verhaftet zu werden. Das änderte sich einige Kilometer hinter Akhalkalaki. Da meinte mein Navi nämlich, es müsste mich den kürzesten Weg nach Vardzia führen, also 25 km übelste Schotter- und Matschpiste. Zuerst fing es mit einem Dorf an, da ist der Schlamm ja normal. Die Kühe zertrampeln den Boden, die Autos fahren Spuren rein, und irgendwann liegt da einfach der Matsch und man zieht Gummistiefel an. Aber es wurde kaum besser, dann kam noch jede Menge Wasser dazu, so dass ich oft einen halben Meter tief in der Suhle war. Am schlimmsten aber waren die Hunde in jedem Dorf, die sich gleich mit Gekläff  auf mich gestürzt haben. Einer ist mir mal 3 km nachgelaufen, aber ich konnte natürlich nur langsam fahren, weil ich Angst hatte umzufallen. Ihr müsst entschuldigen, dass ich euch davon keine Fotos liefern kann. In den Dörfern konnte ich wegen der Hunde nicht anhalten, und bei schwierigen Passagen musste ich mich aufs Fahren konzentrieren. Außerdem dauerte es immer 10 Minuten, bis ich den Helm und die Handschuhe aus hatte, die Regenhülle vom Fotorucksack weggemacht hatte und den Foto in der Hand hatte. Zwischendurch regnete es immer mal, aber die Kälte war noch schlimmer.
Nach einer gefühlten Ewigkeit stand ich dann am Rand der Klippen, von wo man auf Vardzia hinunterschaut. Es waren dann noch 10 km Schotterserpentinen bis unten, dann sah ich endlich wieder eine Teerstraße. Beim Runterfahren traf ich noch 4 Jungs aus Georgien in einem Landcruiser, die sonst auch Motorrad fahren. Alle nett, 2 konnten super gut Englisch. Fast unten machte ich dann noch ein paar Fotos von den Höhlen in der gegenüberliegenden Felswand. Leider war die Sonne schon wieder am untergehen. Dann suchte ich mir ein Guesthouse einige Kilometer weiter, mit Familienanschluss. Ich bekam noch Bratkartoffeln, verschiedene Bohnen als Gemüse, Tomatensalat, Schafskäse und selbstgemachtes Brot. Dazu gab es einen Rotwein, der mir aber stark nach Kopfweh schmeckte, do dass ich nur ein Glas trank. Das Brot Machen hatte mir die alte Dame noch gezeigt: in einem runden und oben offenen Ofen wird der Teig einfach von oben an die Seite geklatscht und quillt dann auf. Hinterher kleben die fertigen Brotstücke rings herum an der Wand und können abgenommen werden. Morgen früh gibt es noch Frühstück, und dann fahre ich entweder noch die paar Kilometer zurück nach Vardzia, um mir das bei Tageslicht anzusehen, oder ich düse direkt nach Tiflis. Das sind nur noch 270 km, sollte also zu schaffen sein. Auf jeden Fall fahre ich dieses Mal die Teerstraße, denn ein Offroad-Tag reicht mir voll und ganz.  (Track33)
Blick aus meinem Hotelfenster: Schnee auf den Hängen des Ararat
dicht unter der Schneefallgrenze bei 2° C
kleines Treffen kurz vor der Grenze
denen macht die Kälte nichts aus
Manuel auf dem Weg nach Kapstadt
schneebedeckte Berge bei Akhalkalaki
der nächste Schauer naht
kurz Luftholen vor dem nächsten Dorf und seinen Hunden
das Tal bei Vardzia
die Höhlenstadt von Vardzia in Georgien
die letzten 10 km Schotterweg auf Serpentinen abwärts
die Höhlenwohnungen von Vardzia

Kommentare:

  1. Hallo Uwe, garnicht wahr das am Tag der Deutschen Einheit keiner Deinen BLOG liest. Ich hab es jedenfalls getan, nachdem ich endlich den Link in der Email wieder gefunden hatte :-) Jedenfalls Danke für all die schönen Bilder aus Persien und die tollen Berichte. Und willkommen in Europa! Jedenfalls fast. VLG Karl

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  2. Hallo Uwe, Du beschreibst die Pisten, den Dreck und die Köter so plastisch, da braucht man nicht unbedingt Fotos dazu. Nicht daß meine Tour jetzt langweilig war, aber das war eher ein Sonntagsspaziergang gegen Deine Route. Gute Heimreise!

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